Sinti laden ein

SINTI LADEN EIN

am 9.Dez. 2017 von 13 –18 Uhr

im MAROKHER, Münnichstr. 37, 26135 Oldenburg

mit Flavie Cardona, Flamencotänzerin- und Dozentin
und Jorge Marx Gómez, Flamencogitarrist- und Sänger
Flamencodarbietungen ca. gegen 15:40h und 16:10h.
und Sinti Swing Oldenburg, für Essen und Trinken ist gesorgt

Flamenco

Unter Flamenco wird die Art des Musizierens, Singens und Tanzens in Andalusien verstanden. Der schreiende, klagende Gesang, Gitarrenmusik, Rhythmus durch Klatschen und der eigentümliche Tanz mit stolzen Armbewegungen und Rhythmuserzeugung durch tanzende Füße sind dafür kennzeichnend. Man bezeichnet den Flamenco als temperamentvoll, würdevoll und stolz. Will man dem Flamenco auf die Spur kommen, so kommt man nicht umhin, sich ein wenig mit der Geschichte der Roma auseinander zu setzen. Man sagt, die Roma seien die Väter und Mütter und Andalusien ist die Wiege des Flamenco. Die spanischen Roma nennen sich selbst Calé/Kalé. Flamenco heißt eigentlich „flämisch“. Es gab viele Versuche diesen Begriff zu erklären. Die überzeugendste Erklärung hierfür ist aber, dass sich im 17. Jahrhundert in den andalusischen Bergen und Dörfern „Gitanos“ (spanische Roma) niederließen, deren Söhne beim flandrischen König gedient hatten. Sie hatten 1602 königliche Schutzbriefe von Phillip III. in Valladolid erhalten, in denen ihnen zugesichert wurde, jederzeit nach Flandern zurückkehren zu dürfen, und dass Gesetze, die sich gegen die „Gitanos“richten, keine Anwendung auf sie fänden. Die Roma wurden immer schon verfolgt, und in Spanien war es ihnen zu dieser Zeit verboten, sich niederzulassen und Pferdehandel zu betreiben. Anders die „Gitanos“ mit den Schutzbriefen, die Wert darauf legten, dass sie flandrischer Herkunft sind. Wo sie sich niederließen wurden sie die Flamen, „Flamencos“ genannt.

 

Flamenco ist jung

Der Flamenco ist, so wie wir ihn heute kennen, noch sehr jung, er beginnt erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch findet man seine „Ahnen“ bereits im 18. Jahrhundert in Andalusien. Gehen wir ein wenig den Spuren des Flamenco nach: Andalusien war von 710 bis 1492 stark vom Islam geprägt, man nannte es „Al-Andalus“. Die Mauren (arabisch geführte Truppen, die überwiegend aus Berbern bestanden) brachten neben ihren schnellen Pferden auch ihre Musik- und Tanzkultur mit. Zudem lebten dort Juden und Christen und bereits im 15 Jahrhundert sind Roma in Andalusien belegt. Al Andalus war also bereits ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen. Wo immer die Roma waren, traten sie als begabte Musiker und Tänzerinnen hervor. Ihre Musik und ihren Tanz passten sie zum einen der jeweiligen Region an und vermischten ihre eigenen Traditionen mit denen vor Ort. Der Flamenco hat Bewegungen mit einem stark orientalischen und spanischen Unterton. Doch es gibt Elemente, die sind weder im Europäischen noch im Nordafrikanischen zu finden und scheinen direkt aus Indien zu kommen: Die kontrollierte Fußarbeit (Zapateados), mit der der Rhythmus getanzt wird und die Finger- und Armbewegungen sind heute noch im Indischen Tanz zu finden. Der zwölfschlägige Rhythmus entspricht den raga aus Indien. Heut zu Tage wird häufig davon ausgegangen, dass die Zapateados, die Fußarbeit im Flamenco, ursprünglich von den Männern eingebracht wurden und die Frauen vorwiegend den Tanz mit den Armen ausführten. Es ist jedoch auch zu beachten, dass viel im Flamenco auf die „Gitanos“, die indischer Herkunft waren, hinweist. Und deshalb ist auch nahe liegend, dass die Zapateados ihren Ursprung im indischen Tanz (Bharatanatyam, insbesondere dem Kathak) haben. Der Kathak ist dem Flamenco bezüglich der rhythmischen Fußarbeit sehr ähnlich. Der Indische Tanz wurde aber von den Tempeltänzerinnen getanzt. Somit kann man davon ausgehen, dass die Zapateados ihren Ursprung noch weit vor dem klassisch spanischem Tanz, und den alten andalusischen Volkstänzen, denen sie oft zugeschrieben werden, hatten. Auch wenn die Frauen wohl zeitweise die Zapateados nicht ausführten, scheint es nahe liegend, dass es die indischen Tempeltänzerinnen waren, welche die Grundlage für die, für den Flamenco so typischen, Zapateados gelegt haben. Doch wie so oft, gibt es nicht die Eine Wahrheit und von uns war keiner dabei. Weltweit gab es immer wieder zeitgleich und zeitversetzt unabhängig voneinander gleiche Entwicklungen. Darum können immer auch mehrere Vermutungen zutreffend sein.

Flamencostudio Flavie Cardona, Foto: Sigrid Schulze

Tanz heißt Lebensfreude

Das Wort Tanz kommt vom Sanskrit-Wort „tanha“ was so viel wie „Lebensfreude“ bedeutet. Tanz war einerseits Unterhaltung, und andererseits ein Teil der heiligen Zeremonie in den Tempeln. Im Tanz wurde das für die Menschen Wichtige dargestellt und man benutzte Tanz um in einen spirituellen Zustand zu gelangen. Die Roma kannten noch Teile der antiken Tänze. Weil sie am Rande der Gesellschaft lebten und häufig vor Verfolgung flohen, mussten sie ihre Identität über das definieren und erhalten, was sie von ihren Ahnen kannten. Die Musik und der Tanzstil des jeweiligen Gastlandes beeinflussten den Tanz und so verwoben die Roma ihren Tanz mit dem Volkstanz der Andalusier. 1749 beschloss der Bischoff Oviedo, alle Gitanos fest zu nehmen, ihr Besitz wurde beschlagnahmt, Männer und Jungen ab 7 Jahren wurden als Zwangsarbeiter in den Werften der Kriegsflotte eingesetzt, alle anderen wurden in „Depots“ eingekerkert. Nun halfen auch die königlichen Schutzbriefe nichts mehr. Sie wurden in überwachten Unterkünften zusammengepfercht und durften ihre traditionellen Berufe, das Schmiedehandwerk, Pferdehandel, Korbflechterei, nicht mehr ausüben. Sie durften nicht mehr zusammen leben und ihren Aufenthaltsort nicht mehr wechseln. Auch hier gab es allerdings Familien, die unter dem Schutz des Königs Carlos III. standen und deren Familien von diesen Gesetzen ausgenommen waren. König Carlos unterschrieb 1749 das letzte „Zigeunergesetz“ der Geschichte. Anfang des 19 Jahrunderts, im unterdrückten und ausgegrenzten Milleu der „Gitanos“ wandelte sich der Flamenco. Aus der fröhlichen Seguidilla im ¾ Takt wurde die tragische Tochter Siguiriya, ein langsames Lied, das von Schmerz, Trauer und Tragik geprägt war. Die Seguidilla hatte aber noch eine „Tochter“, der heutige Volkstanz „Sevillanas“, ist immer noch im ¾ Takt und man erkennt in den 4 Strophen eine deutliche Struktur, die an das Menuett angelehnt ist. Man kann davon ausgehen, dass der Flamenco eine multikulturelle Co-Produktion unterschiedlicher Kulturen ist, die sich im Schmelztigel Andalusien zu einer besonderen Kunst geformt haben. Eindeutig schlägt jedoch im Flamenco das Herz der Roma, die damit ihre Schätze des Lebens zum Klingen bringen. Heute ist der Flamenco eine Kunstform und ist seit 2010 Weltkulturerbe der UNESCO und wird in Andalusien seit 2014 offiziell an den Schulen gelernt.

Ein leicht gekürzter Text, den wir im Internet auf der Seite https://www.korona-tanz.de fanden.

Mit freundlicher Genehmigung von der Autorin Sigrid Kröger.

Fotos vom Flamencostudio Flavie Cardona, Christiaan Jongebloed und Sigrid Schulze, www.flamencooldenburg.de

Zum weiterlesen: Flamenco(tanz): zur Instrumentalisierung eines Mythos in der Franco-Ära von Kirsten Bachmann, Logos Verlag Berlin